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Mikrobild Österreich oder Frankreich/Dieppe, Ende 18. Jahrhundert, Anfang 19. Jahrhundert

Elfenbein, Glas, Rahmen: Bronze, vergoldet, Ende 19. Jahrhundert

Maße: 8,9 x 11,8 x 0,8 cm

mit Rahmen: 12,4 x 13,1 cm

 

 

 

 

Das querrechteckige, meisterhaft ausgeführte, hinter Glas gerahmtes Elfenbeinrelief eröffnet vor einem tief blauem Hintergrund einen Blick in eine Landschaft mit einem Pagodentempel im Zentrum.  Flankiert wird der Tempel von vier hohen mächtigen sowie vier weiteren kleineren Palmen, die durch weitere Sträucher umstanden sind. Ganz rechts wird die Szenerie durch eine turmartige Architektur mit spitzem Dach begrenzt.

Im Bildmittel- und Vordergrund sind auf der zum Tempel sich erhebenden Landschaft verschiedene Personenstaffagen ausgearbeitet: links vorne erkennt man zwei Personen an einen hohen Korb, von rechts folgt ein Mann mit chinesischem Gewand und spitzem Hut seinem vor ihm laufenden Hund , im Zentrum, unterhalb des Tempels, wendet sich ein Chinese  einer links von ihm stehenden Dame zu, für die ein Diener einen Schirm schützend hält. Die jeweilige Gewandung der Figuren ist derart differenziert, dass man etwa bei der links neben dem Korb knienden Männerfigur den Umschlag des weiten Ärmels erkennen kann.

Die unübertroffene Ausführung der Gestaltung der hauchdünnen Palm- und Buschblätter, der feinen Reliefierung der Baumstämme oder der Bodenbeschaffung des Tempelbergs wird aufgenommen in der Gestaltung der Dachbekrönung des Tempels, die überleitet zu vier Vögeln, die sich oberhalb der Pagode vom dunklen Hintergrund deutlich abheben.

Die vorliegende Arbeit zählt als aufwendig gefertigte Chinoiserie zu den seit dem 18. Jahrhundert bekannten und bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts besonders geschätzten Luxusgegenständen. Mit der Wiedergabe einer Pagode wird dabei ein für die chinesische Kultur typische und leicht wiedererkennbare Architektur aufgegriffen und in eine romantisierende Landschaftskulisse integriert. Die Motivwahl steigert die Exotik und die Exquisität des Mikrobildes.

 

Die Arbeit, die keine Hinweise auf den Künstler liefert, kann mit den Werken so bedeutender Elfenbeinschnitzer wie Sebastian und Paul Johann Hess aus Bamberg, G. Stephany und J. Dresch aus Augsburg, Adolfphe Brodbeck und Jean Antoine Belleteste aus Dieppe, Nikolaus Klammer aus Wien oder Giuseppe Maria Bonzanigo aus Bellinzona verglichen werden, die insbesondere für den Wiener Kaiserhof zur Zeit Marie-Theresias, für Katharina, die Große, von Russland oder König Georg III. von England tätig waren.

 

Literatur:

P.W. Hartmann, Elfenbeinkunst, Selbstverlag, Wien 1999; P.W. Hartmann, Mikrobilder, Wunder der Bildhauerkunst, Wien o.J. (2005)

 

Ausstellung vgl. „Mikrobilder – Wunder der Bildhauerkunst“, Kunstkammer des Kunsthistorischen Museums in Wien, 28. Februar bis 3. September 2000, danach Residenz in Salzburg, Jagd- und Fischereimuseum in München: „The Connoisseur Collection“